Gelebter Glauben




Im Nachlass meiner Mutter fand ich eine Reisebeschreibung über eine Pilgerfahrt nach Lourdes.

 

         

 

Meine Wallfahrt nach Lourdes


Es war ein Oktobertag, an dem unsere geplante Wallfahrt beginnen sollte. Es regnete in Strömen. Der Himmel war ganz verhangen, aber in meinem Herzen war es hell und froh. Wie hatte ich mich auf diesen Tag gefreut!

Begleitet von meinem Mann und meinem Sohn wurde ich, voller Erwartung auf die anstehende Reise, zum Bahnhof gebracht. Es war etwas verfrüht, und plötzlich musste ich weinen vor Glück, dass ich diesen größten Wallfahrtsort der Erde besuchen durfte.

Am Zuge begrüte mich die geistliche Führung aus Stuttgart, die mir schon von anderen Wallfahrten bekannt war. Ich bekam einen Fensterplatz in einem einfachen D- Zug Wagen. In das Abteil stiegen noch drei jüngere Frauen aus einer Nachbarstadt ein, denen ich im Laufe der Fahrt noch manchen guten Rat geben konnte betreffs ihrer Probleme.

Wir fuhren durch die herrliche Schweiz, durch Genf, am Vierwaldstädter- See vorbei, und Überall wurde durch das Mikrofon, das ausgezeichnet klappte, die Beschreibung der Gegend gegeben.

Im Zuge, der mit 450 Pilgern besetzt war, unter denen sich eine größere Gruppe von Malteserschwestern befanden, war auch ein Arzt aus Stuttgart und eine Krankenschwester. Auch einige Franziskanerinnen und Vinzenz- schwestern aus Freiburg begleiteten den Zug.

Abends um 21 Uhr erreichten wir die Grenze. Französische Laute drangen an unser Ohr. Wir waren in Frankreich. Die Quartierzettel wurden verabreicht, und leider merkte ich es erst zu spät, dass eine Gruppe nach Ars zum Übernachten durfte. Da ich den heiligen Pfarrer von Ars so sehr liebe und verehre, war ich etwas enttäuscht, dass ich diese Möglichkeit nicht nutzen konnte.

Wir, die in Lyon geblieben waren, bekamen unser erstes Abendessen in Frankreich, das uns fremdartig berührte, aber sehr gut schmeckte.

Das Quartier war auch eigenartig , nur eine Rolle im Bett, ohne Federbett. Am Morgen gingen wir in Lyon zur heiligen Messe. Was uns besonders auffiel, war der schmucklose Altar, keine einzige Blume, auch war die Kirche in keinem guten Zustand. Ich hörte, dass die Leute zur Unterhaltung der Kirche recht wenig spendeten.

Am anderen Morgen fuhren wir weiter über Toulouse, am Mittelmeer vorbei, das durch die Sonne ganz blau erschien. Weite Lagunenseen, und eine herrliche Landschaft entzückten unser Auge. Wir waren nun schon in Südfrankreich. Zypressenbäume schmückten die Landschaft.

Um 20 Uhr kamen wir in Lourdes müde aber glücklich an. Wir wurden unserem Hotel zugeteilt und aßen zu Abend. Leider wurde dort kein Deutsch gesprochen. Nun kam mir das gelernte Französisch gut zustatten, das ich in der Besatzungszeit gelernt hatte. Ich konnte mich gut verständigen.

  

 

 


Morgens um 6 Uhr gingen wir in die Basilika, die über den Felsen gebaut ist. Wir bekamen viele heilige Messen mit, die auch an Seitenaltären gelesen wurden. Danach gingen wir zur Grotte, die schon ganz belagert war, wo die Gottesmutter der heiligen Bernadette erschien. Mir liefen die Tränen, und ich sah auch einige Männer weinen. Wir durften an der Grotte vorbei ziehen und den Felsen küssen.

Die Pilger waren in vielen Hotels verteilt. Ein Hotel konnte 150 Pilger aufnehmen. Leider wurde das Wetter, das uns mit strahlendem Sonnenschein begleitete, sehr schlecht. Lourdes liegt am Fuße der Pyrenäen, und die Luft ist schwer. Ich bekam ein Asthma und konnte kaum atmen. Aber ich bin trotzdem zur Grotte, denn ich war nicht zum Ausruhen, sondern zum Beten und Danken gekommen, und Buße wollten wir ja tun.

Nach dem Mittagessen gingen wir wieder zur Grotte. Es waren weitere Pilgerzüge eingetroffen. Engländer, Iren und Italiener. Es regnete ununterbrochen, und es war sehr windig. Mir ging es auch noch nicht gut. Wir gingen zur Piuskirche, eine unterirdische Kirche. Ich war ganz überrascht von der Anordnung, dem Areal und der Anlage der Grotte, hier können sich bis zu 40 000 Gläubige versammeln um zu beten.

Da erlebte ich eine wunderbare Sakramentsfeier mit Prozession. Ich dachte, ich wäre in München auf dem Kongress. In allen Sprachen wurde gebetet, lateinisch und gemeinsam gesungen. In der Kirche waren viele Hunderte von Kranken. Schwerkranke lagen in Liegebetten, von Schwestern betreut. Dann kam die Krankensegnung. Ein Priester, forderte die Pilgergruppen der einzelnen Länder in der jeweiligen Landessprache, zum Mitbeten auf, mit folgendem Wortlaut:


HERR, wenn Du willst, kann ich jetzt gehen.

HERR, wenn Du willst, kann ich jetzt sehen.

HERR, wenn Du willst, kann ich jetzt hören.

HERR, ich liebe Dich!


Es war ergreifend. Ich werde das Bild nie vergessen können von den vielen Kranken. Welch ein Glaube! Wie wurde da gebetet! Als die Feier zu Ende war, wurden die Kranken herausgefahren. Sie beteten mit den Schwestern laut den Rosenkranz.

Übrigens sah ich im heiligen Bezirk immer Leute mit ausgebreiteten Armen knien. In diesen Bezirk darf kein Auto hinein, kein Lärm stören. Überall betende Menschen, einer riss den andern mit. Wenn man einige Stunden dort war, betete man auch immer mit, den Rosenkranz in der Hand.

 

 

 

 


Am Abend, begann die große Lichterprozession. 40 Strophen sangen wir das Lourdeslied, und am Schluss sang alles gemeinsam:


Ave, Ave, Ave Maria!
 
 

Wir sind ganz begeistert heimgekommen. War das ein Erlebnis!

Am anderen Tag hatte es auf die Berge geschneit. Es war kalt und regnete furchtbar. Wir gingen den Kreuzweg, den Kalvarienberg, hinauf, sehr hoch gelegen. Wunderbare, große Hohlgips-figuren erinnern an das Leiden und Sterben des Heilandes. Es wurde für viele, auch für mich, eine Buße, denn es war beschwerlich. Aber hat nicht die Gottesmutter gesagt:


"Bete und büße"

Nach dem Essen, wir waren ziemlich nass, gingen wir wieder zur Sakramentsprozession, aber abends fiel die Lichterprozession wegen des schlechten Wetters aus.

Im Hotel war in keinem Zimmer geheizt. Wir waren die letzten Pilger in diesem Jahr. Ich bat für mich und der anderen Frau um eine Decke und bekam sie. Im Zimmer war heißes Wasser. Da konnte man ein Fußbad nehmen.

In meinem Zimmer sah ein Bild von der Heiligen Bernadette an der Wand, ich musste daran denken, dass ja auch die Bernadette seit ihrer Kindheit mit Asthma behaftet war und fühlte mich irgendwie mit ihr verbunden.  

 

 

 Bernadette Soubirous



Am anderen Morgen war unser letzter Tag in Lourdes. Die liebe Sonne schien wunderbar. Wir gingen zur Grotte zur heiligen Messe. Viele gingen baden. Ich nahm davon Abstand, da die Leute so lange warten mussten. Ich ging lieber beten.

Ach, was habe ich hier für Betende gesehen. Ein junger Mann legte den Kopf auf den Felsen und weinte. Ein Afrikaner küsste den Felsen und nahm das Gras mit. Ja, wenn einer nicht mehr glauben kann, der soll nach Lourdes gehen!

Am Nachmittag begann die große Fronleichnamsprozession. Es waren sicher 30 000 Pilger da. Das Wetter war herrlich. So ein Hosianna habe ich noch nie wieder singen gehört seit dem Kongress.

In allen Sprachen wurde wieder das "Gegrüßet seist Du Maria" gebetet.

Nach der Feier machte ich noch einige Einkäufe. Ich kaufte mir einen echten Lourdes- Rosen-kranz, den ich jeden Tag bete und von dem ich mich nie mehr trenne bis zum Tode. Man soll ihn mir mal ins Grab geben. So bin ich mit der Mutter immer verbunden.

 

 

Abends begann die große Lichterprozession. Das muss man erlebt haben! Das "AVE" klingt mir immer noch in den Ohren. Still und ergriffen ging ich zu dem Hotel zurück. Ich dachte über die Tage nach. Es wurde viel gebetet, gemeinsam oder persönlich. Auch für alle Kranken, Brüder und Schwestern wurde innig gebetet.

Möge es Allen zum Segen werden!


Am anderen Morgen hatten wir um 6 Uhr heilige Messe an der Grotte. Der Abschied fiel so schwer. Wir gingen schweigend zum Zug, und dann läuteten die Glocken, und vom Tonband erlebten wir noch einmal die Tage. Wir sangen gemeinsam das Lourdeslied.

  

Ade, Ade, liebste Mutter!


Der Zug fuhr diesmal eine andere Strecke. Wir fuhren an Städten vorbei, wo ein heiliger Franz von Seles und eine heilige Theresia gelebt und gewirkt haben. Wir nützten die Zeit und tauschten unsere Erlebnisse mit den anderen Pilgern aus.

Eine Frau war schon viermal in Lourdes zum Danken. Sie hatte eine Krebsoperation vor 14 Jahren, eine Totale, und war aufgegeben worden. Es bildete sich nochmals eine Geschwulst. Dann fuhr sie nach Lourdes, und die Totgeweihte lebt zum Staunen der Ärzte noch heute und fühlt sich ganz gesund. Eine Mutter war da mit einem 6 jährigen Jungen, der durch eine Gehirnhautentzündung Anfälle bekam und geistesschwach war. Die Mutter versprach eine Wallfahrt und betete immer um Hilfe zur Muttergottes von Lourdes. Der Kleine war dabei. Sie sind zum Danken gekommen, denn der Junge wurde vollkommen gesund!